Zierenberger Märchen: Der Geist Reyneke

Im Jahre 1349 ist in Zierenberg, einer Stadt des Landgrafen von Hessen, ein Gespenst erschienen: eine kleine Menschenhand, weich und zart, kam zum Vorschein und ließ sich anfassen, wohl tausend Menschen haben sie berührt und geschüttelt.
Weiter sah man von dem Geiste nichts. Man fragte ihn, wer er er sei und er antwortete mit der Stimme eines Mannes, er hieße Reyneke und sei ein Mensch und Christ, in Göttingen getauft. Die Leute wollten wissen, ob er allein sei. Darauf sagte er:"Nein, wir sind ein großes Volk und wohnen in dem Kirchenberg, der hier bei Zierenberg liegt. Mein Stamm ist fein und zart. Es wohnen aber auch welche im Bärenberg, die sind Tölpel, richten allerlei Unheil an und wühlen in der Erde."
Wenn der Geist Reyneke nach Zierenberg kam, wurde er von einem braven Manne beherbergt. Einmal kam überraschend ein Verwandter des Mannes zu Besuch. Da der Mann nichts zu Essen im Hause hatte, kümmerte sich Reyneke darum und ließ einen reichlich gedeckten Tisch erscheinen. Es gab Weizenbrot, Wein und Bier, gekochtes und gebratenes Fleisch, auch Wildbret, und Reyneke hieß den Gastfreund wacker mit zulangen.
Reyneke hatte die Hausmagd Styneken sehr gern. Als einmal der Knappe Hermann von Schartenberg dem Mädchen einen Apfel schenkte, wurde der Geist zornig und sagte:"Das tust Du mir nicht wieder!" - "Ich habe ihr ja nur einen Apfel geschenkt.", entschuldigte sich der Knappe. - "Ja wohl, aber Du hattest auch noch anderes im Sinn!".
Einmal wollte einer den Geist Reyneke ärgern und durch die Hand stechen. Er ging in jenes Haus und rief:"Bist Du da, Reyneke?" "Ich bin da!" antwortete der Geist. "Dann zeige einmal Deine Hand her!" - "Dir selbst will ichs zeigen, Du schlechter Lümmel und Verräter, pack Dich fort!" rief Reyneke zornig, denn er wußte, was der Mann vorhatte. Dieser sprach:"Zeig Dich, ich will Dir meine Hand dafür auch zeigen!" - Kaum hatte er sie ausgestreckt, so stach sie der Geist durch mit einem Eisen.


frei nach: Fritz Hufschmidt, Versuch einer Geschichte des oberen Warmetales, Zierenberg 1905
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